Brief IV · Die Überreizung des Seins, Teil 2: was nach dem Zusammenbruch blieb
Von Marcus Yabe ·
An alle, die bis hierher kamen,
Irgendwann endete meine Angst vor der Übertretung. Ich kann den Tag nicht nennen. Ich weiß, dass das Chaos plötzlich aufhörte, um Erlaubnis zu bitten, und sich in jedem Pinselstrich einnistete, in jeder Schicht, die ich auftrug. Dies ist die Phase, in der meine Überreizung ihren höchsten Punkt erreicht, wie eine Apokalypse, in der die soziale Dekompensation auf der Leinwand geschieht, im Strich und in der Energie der Figuren.
Hier hörte die Zeit für mich auf, eine Linie zu sein. Manche dieser Werke begann ich vor Jahren und fühlte mich erst jetzt gedrängt, den letzten Strich zu setzen, den letzten Schrei. Spiegel, die nicht spiegeln, zwei Meter breit, ist eines davon: zwei Gesichter nebeneinander, die einander nicht ansehen, verschmolzen in wirren Grüntönen. Das Spiegelbild enthüllt dort nicht. Es löst auf.
Jetzt male ich das Gesicht als Anatomie. In Vaskulärer Karneval lächelt es mit allen Nerven, gemacht aus Arterien und Konfetti: ein Umzug im Inneren der Haut. In Brennendes Lachen lecken die Flammen am Gesicht, und es lächelt, nicht aus Mut, sondern aus Gewohnheit, mit Hörnern, die eine Krone sind. In meiner Malerei hörte die Freude auf, Verkleidung zu sein, und wurde Abwehr, manchmal Rache.
Ich begann, Namen zu geben, die es nicht gibt. Familexas, Milicexas, Ninexas, Caotibkismo. Es sind keine Wörter, es sind Kennwörter für den bunten Wahnsinn, der uns aufrecht hält. In Milicexas, in militärischen Tönen, zeichnete ich eine Genealogie der Kontrolle und der Angst, eine Karikatur einer gefährlich vertrauten Macht. Es ist der Schrei gegen die Autorität, die Schutz vortäuscht. In Ninexas sind neun Gesichter neun Variationen desselben Zusammenbruchs, und die Linie schließt sich nie: Die Kontur läuft immer aus.
Und dann rebellierte auch der Bildträger. Ich malte auf bedruckte Klebefolie, auf Kunstleder, auf mein eigenes Gesicht. In Selficonexa trete ich in die Kreatur ein: Das echte Porträt vermischt sich mit dem Delirium, und die Kunst hört auf darzustellen, um zu verschlingen. In Iconexa hält ein klassisches, gelassenes Gesicht in der Mitte stand, während ringsum die Welt einstürzt, verehrt und entweiht zugleich. In The Tote wird eine Tasche zum städtischen Reliquiar, tätowierte Haut einer Zeit im Zusammenbruch, die die Welt trägt und die, die sich in ihr verloren haben.
Inmitten all dessen schrieb ich einen grafischen Brief: Pauta Amor. Zwischen durchgestrichenen Wörtern und weit aufgerissenen Augen eine stumme Bitte. Vielleicht ist es die Summe all dessen, was ich bis hierher getan habe: Lieben heißt, die Verwirrung auszuhalten und sie in Kunst zu verwandeln.
Diese Phase ist nicht abgeschlossen. Ich habe sie verdichtet, nicht beendet. Ich suche weiter nach der ästhetischen Subversion, in anderen Materialien und in anderen Formaten, denn was mich antreibt, war nie ein Stil. Es war ein Begehren: das Begehren des Seins.
Denn das ist nicht nur Malerei. Es ist Überleben. Es ist Ritus. Es ist Flamme. Es ist, was nach dem Zusammenbruch blieb.
Wer hinsieht, möge fühlen. Wer fühlt, möge tragen. Und wer trägt, möge verwandeln.
Marcus Yabe, Phase IV, 2021 bis 2025